Das Verschwinden des Alex Karev:

Grey’s Anatomy schaue ich quasi schon, seit es die Serie gibt. Ich begnüge mich meist mit den Free-TV-Ausstrahlungen, komme aber durch Instagram und andere Medien nicht drumrum, durchaus auch mal hier und da gespoilert zu werden. Nun wird ja aktuell die 16. Staffel bei ProSieben ausgestrahlt und seit einigen Folgen fehlt ein Hauptcharakter: Alex Karev. Handelt es sich hierbei um einen Ghosting-Fall? Lass mich mal darüber nachdenken.

Alex war ein Hauptcharakter der ersten Stunde, er begann seine Arzt-Ausbildung in der ersten Folge gleichzeitig mit Meredith Grey. Seither sind viele Charaktere dazugekommen und viele gegangen. Schlussendlich ist vom damaligen „Kern“ nur noch Meredith Grey, Miranda Bailey, Alex Karev und Richard Webber dabei. Alle anderen sind wahlweise gestorben oder weggezogen. Alex Charakter entwickelte sich langsam. War er am Anfang ein egoistisches Ekelpaket, wurde er im Laufe der Jahre zu einer wichtigen Konstante im Leben von Meredith. Er hatte immer wieder auch Beziehungen, die aber irgendwie allesamt nie so glücklich verliefen. Seine große Liebe Izzie Stevens (gespielt von Katherine Heigl), verliebte sich in einen anderen, erkrankte an Krebs und verließ schlussendlich die Stadt. Sie tauchte zwar später noch einmal in einer Gastrolle auf, aber eine Aussprache gab es so eigentlich nicht. Ich erinnere mich gar nicht mehr direkt daran, wie die Trennung damals verlief, aber wo ich gerade diesen Text schreibe – ist Isobel nicht auch einfach „verschwunden“, ohne reinen Tisch zu machen und sich zu verabschieden? Hm, ich weiß es gerade nicht. Es folgten diverse kurze und längere Beziehungen mit Frauen, die irgendwie tatsächlich meistens einen seelischen Knacks hatten. Irgendwann traf er auf Jo, die ohne Eltern aufgewachsen war und nach einer langen Zeit mit Höhen und Tiefen heirateten die beiden. Vor einigen Folgen hieß es, dass Alex zu seiner Mutter gefahren sei, die gerade Probleme hatte und eine Weile bei ihr bleiben wollte. Erklärt bekam der Zuschauer das aber nicht von Alex in der Serie, sondern von seinen Kollegen, die sich nach ihm erkundigten. Eher so als Art Randnotiz.

Während seine Ehefrau Jo weiterhin ihrer Arbeit im Krankenhaus nachgeht, zeichnet sich nun mehr und mehr ab, dass selbst sie nicht weiß, wann ihr Mann zu ihr, seinen Freunden und seinem Job zurückkehrt. Vielmehr kann man dabei zusehen, wie Jo mehr und mehr das Gefühl beschleicht, dass etwas nicht stimmt, denn sie erreicht Alex nicht bzw. er beantwortet ihre Anrufe und Nachrichten nicht.

Am Ende der aktuellen Folge (Im Alleingang) sieht man Jo aufgelöst ins Telefon sprechen: Alex soll sie zurückrufen, er soll sich melden, sie muss wissen, dass es ihm gut geht, er ist die Liebe ihres Lebens und er soll ihr einfach sagen, was los ist. Auch Meredith versucht, Alex zu erreichen und schreibt ihm eine Nachricht. Man sieht auch, dass Alex schreibt, aber dann offensichtlich doch keine Antwort schickt.

Ja, hier muss ich sagen, dass es schon – zumindest mit dem aktuellen Stand – unter den Begriff fällt, was Alex hier veranstaltet. Er lässt seine Frau und seine Freunde im Unwissen darüber, wann er wiederkommt, ob er wiederkommt, ob es ihm gut geht etc.. Gerade für Jo ist das eine unheimlich schwere Situation, die ich nur zu gut nachfühlen kann. Ich kann ihre Verzweiflung und ihre Angst spüren und mir wird regelrecht übel dabei, weil meine Gefühle von damals wieder hochkommen, wenn ich das sehe. Sie tut mir so leid. Und auch hier, war bis zu Alex Verschwinden nicht erkennbar, dass er vorhat, sie zu verlassen. Auch das ist typisch für Ghosting. Er lässt sie einfach im Unklaren und es passt eigentlich nicht zur aktuellen Situation der beiden. Immerhin haben sie erst kürzlich geheiratet. Gut sie hatten Streit, aber haben sich danach auch wieder versöhnt.

Die Auflösung kommt in Episode 16x16, hier findest du einen Spoiler
In Episode 16 (Abschiedsbriefe) wird die Situation um Alex aufgeklärt, in dem er Briefe an Freunde und Jo schickt: Es geht ihm körperlich gut, er ist jedoch zufällig wieder auf Izzie getroffen. Er fand heraus, dass sie Zwillinge hat – die Kinder sind von ihm. Er entschied sich daher nach langem Überlegen dafür, bei Izzie und ihren Kindern zu bleiben und eine Kinderarzt-Stelle an einem Krankenhaus in Kansas anzunehmen.

Es gab viel, viel Kritik für diesen Handlungsfaden, auch unter dem Aspekt der Auflösung (siehe Spoiler-Box). Zum einen kann ich das verstehen, denn es ist verdammt schmerzhaft, der leidenden Jo zuzusehen, zu sehen, wie sie weint, wütet, Angst hat usw. Auf der anderen Seite ist die Auflösung ja eigentlich gar nicht so weit entfernt von dem, was sich auch viele Dauer-Zuschauer gewünscht haben. Ich habe (Stand heute) die 16. Folge selbst noch nicht gesehen und kann mich dazu noch nicht weiter zu der Kritik äußern, werde das aber zu einem späteren Zeitpunkt nochmal nachholen.

Aber ich finde es gut, dass Ghosting thematisiert wird im Fernsehen. In vielen meiner Zuschriften zum Thema lese ich Sätze wie „Ich kann es keinem sagen … ich habe das Gefühl, keiner versteht mein Leiden … die Leute sagen, lass ihn gehen, aber das kann ich nicht ohne Abschluss …“.

Auch bei mir war es so, ich hatte Freunde, denen ich anfangs davon erzählt habe, aber mit der Zeit wurde es immer weniger, denn es gab nichts neues zu erzählen. Ich hatte auch nach Monaten keine Erklärung erhalten und damit hatten sich auch nach Monaten meine Gefühle nicht verändert. Ich konnte auch nach Monaten nicht abschließen, ich war in der Situation gefangen; denn der einzige, der mir hätte einen Ausweg geben können, hat mir das verweigert. Ich bin auch nach wie vor der Meinung, dass das nur derjenige nachempfinden kann, der das wirklich selbst mal erlebt hat. Deswegen versuche ich auch, jede Zuschrift  zum Thema Ghosting zu beantworten – wenigstens zu sagen „Du bist nicht allein, da draußen gibt es viele, denen dasselbe widerfahren ist.“

Vielleicht ist es deshalb gut, wenn ein solches Thema auch mal in einer Serie aufgegriffen wird, die so viele Zuschauer hat. Vielleicht kann sich der ein oder andere dadurch eher in die Betroffenen hineinversetzen.

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