Meine Netflix-Serienliste quillt über, ich bin ein absoluter Serienschauer und ich war gerade mit 3 Staffeln der Krankenhaus-Serie „The Night Shift“ fertig, da habe ich mich endlich an die umstrittene Serie „Tote Mädchen lügen nicht“ gewagt. Gestern hab ich nun die letzten Folgen der ersten Staffel geschaut und möchte hier meine Eindrücke zusammen fassen.

Achtung: Dieser Artikel enthält Spoiler zur Serie. Wenn du dich überraschen lassen möchtest, solltest du ab hier nicht weiterlesen.

Die Story

Die Serie beschäftigt sich mit den dunklen Seiten des High-School-Lebens und deren Auswirkungen. Ein junges Mädchen begeht Selbstmord, hinterlässt aber vor ihrem Tod 13 Kassetten, die sie selbst aufgenommen hat. Darauf erzählt sie von ihrem Leidensweg, der beginnt, als sie eine neue Schule besucht und mit ihrer Entscheidung, sich das Leben zu nehmen endet. Jede der Kassetten handelt von einer Person in ihrem Leben, deren Handeln mal mehr, mal weniger zu ihrem Unglück beigetragen hat. Die Kassetten werden von Schüler zu Schüler weitergegeben, jeder auf den Kassetten sollte erfahren, was speziell er (oder sie) getan hat und was die anderen getan hatten. So gelangen die Kassetten schließlich zu ihrem Mitschüler Clay, der sich jedoch nicht vorstellen kann, was er falsch gemacht haben könnte. Doch da er nicht weiß, auf der wievielten Kassette seine Geschichte erzählt wird, muss er sich vorher alle anderen der Reihe nach anhören. Mit jeder Kassette erfährt Clay die dunkeln Geheimnisse seiner Mitschüler und was das alles mit Hannah Baker, der Schülerin, die sich das Leben genommen hat, zu tun hat.

Die Kritik

Schon seit Beginn der Ausstrahlung (oder bereits vorher?) wurde von Kritikern versucht, die Veröffentlichung der Serie zu verhindern. Zu extrem sei das dargestellte, zu wenig Hoffnung und Perspektive zeige die Serie auf, befürchtete man. Und so ganz unbegründet ist dieser Punkt auch gar nicht. Es ist einer der Punkte, die dafür gesorgt haben, dass die Serie zwar schon länger auf meiner Liste war, ich mich aber erst jetzt dazu entschieden habe, sie mir anzusehen.

Denn mit dem Thema Mobbing habe ich selbst ausreichend Erfahrungen sammeln müssen und lange ging es mir deswegen sehr, sehr schlecht, manche seelischen Wunden sind bis heute nicht verheilt. In gewisser Form triggert mich diese Thematik also selbst, deswegen muss ich mit diesen Themen etwas vorsichtig sein. Und ich rate jedem, sich vorher gut zu überlegen, ob er eine drastische Serie zu diesen Themen wirklich anschauen und aushalten möchte. Doch während ich die Schule hinter mir gelassen habe, habe ich 2 Kinder, deren Schullaufbahn gerade erst begonnen hat. Und bereits zu Beginn der Grundschule gibt es erschreckende Entwicklungen, die mir Sorgen bereiten. Meine Kinder sind zerbrechlich – so wie jedes andere Kind auch. Und es ängstigt mich sehr, dass ich evtl. Zeichen übersehen könnte, die sie mir senden. Dass ich ihnen nicht den Rückhalt und die Unterstützung geben kann, die sie vielleicht benötigen. Andererseits ist diese Serie ein wichtiger Schritt zur Sensibilisierung. Damit wir mehr hinhören. Mehr hinsehen. Mehr handeln. Auch als Eltern.

Review:

Trotz des fehlenden Spannungsbogens (denn dass Hannah sich umbringt oder umgebracht hat, erfährt man direkt in den ersten Minuten der Pilotfolge), bekommt man in jeder Folge neue Gänsehaut-Momente vorgesetzt. Die Geschichte wird immer verwirrender und man begreift oft erst am Ende, wie alles zusammen hängt. Man möchte Hannah so manches Mal einfach nur in den Arm nehmen und ihre Eltern und Freunde packen und schütteln und sagen „Ey verdammt noch mal, schaut doch hin! Tut doch was!“ Doch Hannah ist nicht die einzige Person in der Serie, der Unrecht geschieht. Nach und nach zeigt sich, dass beinah jeder im schulischen Umfeld dunkle Geheimnisse hütet, von denen sie nicht einmal selbst immer wissen.

Spoiler zur ersten Staffel
So wurde Hannahs ehemalige Freundin vom besten Kumpel ihres Freundes im alkohol-komatösem Zustand vergewaltigt – und ihr Freund Justin musste vor der verschlossenen Zimmertür ausharren und hat anschließend alles vor ihr geheim gehalten, damit sie nicht seinen besten Freund belastete. Justin widerum benötigt seinen Kumpel Bryce, weil der ihn seit Jahren unterstützt, sowohl finanziell als auch emotional – denn seine Mutter lebt seit Jahren mit verschiedenen Typen zusammen, die wohl allesamt nicht sonderlich gut für sie sind. Und obwohl diese Männer ihren Sohn vor ihren Augen bedrohen, beleidigen und misshandeln, kann oder will sie nicht die Kraft aufbringen, sich für ihren Sohn einzusetzen. Und so hat jeder viele, viele Grauzonen in sich. Der Charakter, der mir nach der ersten Staffel am wenigsten gefallen hat, war definitiv Bryce. Er ist der typische Schulsport-Crack aus gutem Hause, der Drogen nimmt und auch sonst der Meinung ist, dass sich ihm die ganze Welt beugen müsste. Im Laufe der ersten Staffel vergewaltigt er 2 Mädchen, eines davon in einem alkoholbedingtem hilflosen Zustand. Noch fehlt es diesem Charakter an der nötigen Tiefe, um auch ihm in irgendeiner Form als eines von vielen Opfern anzusehen – so, wie es bei den anderen Beschuldigten ist – ich bin gespannt, ob sich hierzu noch etwas in der zweiten Staffel ergibt.

Meine Meinung:

Tatsächlich ist die Serie nichts für schwache Nerven und schnell wird klar, dass es keine Übertreibung ist, wenn die Hauptdarsteller zu Beginn der ersten Staffel betonen, dass man sich bei Problemen Hilfe suchen soll (und dafür auf die Seite http://13reasonswhy.info verweisen) und dass man die Serie ggf. nicht allein schauen soll, wenn man mit Problemen wie psychischer oder physischer Gewalt, Suizidgedanken, Mobbing oder Depressionen zu tun hat. Ich finde trotzdem – oder gerade deswegen – ist die Ausstrahlung dieser Serie richtig und wichtig, denn leider gehört es heute für viele Kinder zum traurigen Alltag von anderen ausgegrenzt und gemobbt zu werden – und gleichzeitig keinerlei Anlaufstelle mehr zu finden, weil Eltern zu sehr mit ihrem eigenem Leben beschäftigt sind. Ich weiß nicht, ob es in meiner Schulzeit auch schon SO schlimm war. Also, dass es immer mehr heißt „Jeder gegen Jeden“. Heutzutage geht das mit dem Gerüchte verbreiten viel schneller und hässlicher und dank der Anonymität im Internet kann man schnell eine Herde Hater um sich scharen, die einen darin unterstützen, andere fertig zu machen. Eine traurige Entwicklung. Vielleicht kann eine solche Serie sensibilisieren für solche Themen. Vielleicht sollte diese Serie vor allem den Mobbern gezeigt werden, damit sie sehen, was sie anrichten.

Ich würde aber auch den Kritikern zustimmen, denn ich glaube auch, dass es Betroffene unter Umständen erst recht in Richtung Selbstmord treiben könnte, sich diese Serie anzuschauen. Dies sollte dann tatsächlich nur im Beisein von jemandem passieren, mit dem man sprechen kann. Ich jedenfalls werde mich jetzt mal mit Spannung auf die 2. Staffel stürzen. Dort soll es unter anderem um einen Prozess der Eltern von Hannah gegen die Schule gehen. Ich bin mir aber sicher, dass es auch in dieser Staffel noch einige zu lüftende Geheimnisse gibt.

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