Fragt man Google, was Ghosting ist, so weisen die Suchergebnisse in der Mehrzahl auf Beziehungsproblematiken hin. Einer der Partner verschwindet sang- und klanglos ohne jede Vorwarnung und lässt den anderen ratlos, frustriert, verzweifelt, verletzt und verstört zurück.

Ich würde sogar noch ein bisschen weiter gehen: Ich denke, Ghosting kommt nicht nur in Beziehungen sondern auch unter Familienmitgliedern und sogar in teilweise jahrelang bestehenden Freundschaften vor. Und es wird immer mehr und immer öfter habe ich das Gefühl. Heute ist es ja so einfach, an neue Kontakte zu kommen und alte ‚abzustossen‘ – dank diverser Apps für Partnersuche ist es nicht mehr notwendig, sich mit den Schwächen und vermeintlichen Fehlern des derzeit präsenten Partners bzw. der Partnerin zu beschäftigen (und damit zwangsläufig auch mit den eigenen). Nein, wenn einem das Gegenüber aus welchen Gründen auch immer nicht mehr passt, kann man es jederzeit problemlos austauschen, so what.

Nunja, ich bin bei weitem kein Fan von der Idee, sich selbst in einer unglücklichen Beziehung zu quälen und ich wundere mich tatsächlich, wie viele das freiwillig jahr(zehnt)elang auf sich nehmen und in einer solchen Beziehung bleiben, ohne dass sie an den Grundproblemen der Beziehung arbeiten können oder wollen. Da wird sich dann lieber anderweitig nach einer kleinen Abwechslung hier und da umgeschaut mit der Gewissheit, ja daheim jemanden zu haben, der auf einen wartet, wenn es nicht klappt… Muss jeder selbst wissen, was er tut.

Aber wenn man dann schon so ehrlich zu sich selbst ist, und verstanden hat, dass die eigene Partnerschaft/Familie/Freundschaft nicht funktioniert; dann bin ich der Meinung sollte man das auch offen kommunizieren und einen klaren Schlussstrich ziehen, damit jeder Beteiligte weiß, woran er ist. Das ist natürlich unangenehm, denn man muss sich das Scheitern dieser zwischenmenschlichen Beziehung selbst eingestehen und selten ist an sowas nur der andere schuld. Immer öfter aber verschwindet eine der beiden Beziehungsparteien einfach ohne Vorwarnung aus dem Leben des anderen. Ohne zu erklären, was Sache ist, ohne zu sagen, ob oder wann der andere eine Erklärung bekommt. Das ist furchtbar!

Die meisten Ghosting-Opfer machen sich am Anfang große Sorgen, dass dem anderen etwas schlimmes zugestossen sein könnte. Ich weiß noch, wie ich meinem „Ghost“ damals etliche Nachrichten hinterlassen habe, dass er mir bitte einfach nur sagen soll, dass es ihm gut geht und ihm nichts passiert ist. Ich hatte wirklich Panik, er hätte vielleicht eine Unfall o.ä. gehabt.

Eine Antwort bekam ich nicht, allerdings hatte ich bald raus bekommen, dass es ihm körperlich gut ging. Und dann folgt eigentlich erst der ewige Kampf, denn dann wird einem bewusst, dass das Gegenüber den Kontakt von sich aus abgebrochen hat und man keine Erklärung dafür bekommt. Bis man das versteht, dauert es meist einige Wochen bis Monate. Bis ich das nicht nur verstanden, sondern auch akzeptiert hatte, dauerte es Jahre. Und manchmal denke ich noch heute, wie krass es wäre, würde man sich heute (zufällig) über den Weg laufen. Würde man sich erkennen (es ist in meinem Fall nun mittlerweile beinahe 15 Jahre her…), was würde man zueinander sagen, wie würde man reagieren. Was wäre, wenn…

Dieses „Was wäre, wenn…“ spielt eine sehr große Rolle beim Ghosting. Weil man nämlich die Gründe für die Trennung bzw. den Kontaktabbruch nicht erklärt bekommt, hat der eigene Kopf viel Spielraum. Was wäre, wenn man noch einmal mehr versucht hätte, anzurufen? Was wäre, wenn man einfach noch einmal hingefahren wäre? Was wäre, wenn man einfach noch mehr versucht hätte? Was hätte man noch machen können, ja tun müssen, damit das Gegenüber diese quälende Situation auflöst.

Heute denke ich, dass man niemanden dazu zwingen kann, sich zu äußern, wenn er einmal verschwunden ist. Es hat oft tiefergehende psychologische Gründe, warum jemand einfach nicht in der Lage ist, sich solch einem unangenehmen Konflikt zu stellen. Viele der Betroffenen, die mich anschreiben, suchen den Fehler bei sich selbst, aber sie sind nur ein Teil des Problems. Selten ist der Verschwundene so gestrickt, dass er verschwindet, um den anderen zu verletzen. Die meisten verschwinden wohl einfach, weil sie sich einer Situation nicht stellen können oder wollen.

Deswegen bin ich heute auch der Meinung, dass man irgendwann akzeptieren muss, wenn der andere sich so entschieden hat. Jemand der eine Trennung nicht offen kommunizieren kann, ist nämlich auch nicht in der Lage, andere Probleme anzusprechen und frisst diese dann lieber in sich hinein. Dann ist der Geist, der keiner war, nämlich der Unglückliche in der Beziehung und nicht mehr, der, den der Geist verlassen wollte. Und langfristig ist das einfach nicht gut.

Fazit:

Unter Ghosting versteht man das nicht angekündigte Verschwinden einer Person aus einer wie auch immer gearteten Beziehung. Die Gründe für dieses Verhalten liegen meiner Meinung nach oft in psychischen Schwierigkeiten, die darin resultieren, dass der Betroffene nicht in der Lage ist, ehrlich und offen zu kommunizieren, dass es in der Beziehung Probleme gibt. Daraufhin wird immer öfter der einfache Weg des Verschwindens gewählt. Das Opfer bleibt derweil ratlos und verstört zurück und hat keine Möglichkeit, das Problem aufzuarbeiten, weil es wichtige Fragen einfach nicht beantwortet bekommt. Daraus resultiert ein gewaltiger Knacks im Ego, was teilweise zu jahrelangen Beeinträchtigungen der eigenen Beziehungsfähigkeiten, insbesondere des Vertrauensaufbaus zu anderen Menschen, resultiert.

Sunny

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